Roger Wetzel

Rebecca Horns «Körperphantasien» im Museum Tinguely

Weißer_Koerperfaecher klein
1944 in Michelstadt im Odenwald geboren, gehört Rebecca Horn heute zu den bekanntesten Künstlerinnen ihrer Generation. Ihrer stark körperbezogenen Kreativität gilt eine von Sandra Beate Reimann kuratierte Retrospektive im Museum Tinguely in Basel. Die Schau unter dem Titel «Körperphantasien» ermöglicht vom 5. Juni bis zum 22. September 2019 einen Überblick über das mehr als 40 Jahre umfassende Kunstschaffen der Deutschen, die zu Beginn ihrer Karriere lange in den USA gelebt hat. Erstmals Aufsehen erregte Horn, als sie 1972, eingeladen von Harald Szeemann, an der documenta 5 in Kassel erste Arbeiten präsentierte. Das war eine Zeit, in der die Öffentlichkeit mit freizügigen Darstellungen und ausgefallenen Ideen relativ leicht zu erschrecken war. Heute, da das Publikum kaum mehr zu provozieren ist, dokumentiert die thematisch gegliederte Basler Ausstellung, dass Horns frühe Erfolge alles andere als Eintagsfliegen waren. Vielmehr erweist sich ihre hartnäckige Suche nach gültigen Formen der Darstellung ihrer körperlichen und seelischen Befindlichkeit als nachhaltiges Konzept. Enthüllen, Blossstellen und Verbergen des Körpers, die Erforschung der «nackten Existenz» und die adäquate Abbildung der erlittenen Traumata durch ihre Isolation in einem Internat oder in einem Tuberkulose-Sanatorium beschäftigen Rebecca Horn während ihres ganzen Künstlerlebens. Sie fand dafür eigenständige Metaphern, die sich auf vielfältige Weise abwandeln liessen.

Schmetterling_klein
Das zeigt sich schon im ersten Kapitel der Ausstellung, das den Varianten des Fliegens und Flatterns gewidmet ist. Die hier versammelten Arbeiten beschäftigen sich mit den Möglichkeiten, die Flügel verleihen. Mit dem «Weissen Körperfächer» (1972), zeigt Horn in einem Film, wie Flügel auch zur Verhüllung dienen können, wie sie uns ermöglichen, uns auf uns selbst zurückzuziehen, in einen Kokon einzuspinnen. Mit ihrer Hilfe kann man sich auch dem (illusorischen) Gefühl hingeben, auf und davon zu fliegen, wie es Ikarus mit fatalen Folgen versuchte. Da gibt es einen motorisierten blauen Falter («Schmetterling im Zenit», 2009), der in seinem Käfig eifrig umher flattert und doch nicht vom Fleck kommt. Und da versucht ein Koffer («Fluchtkoffer», 2013), an einer langen Stange auf- und abfahrend, sich fliegend davonzumachen. Eine zweite Werkgruppe summiert die Kuratorin unter dem Begriff «Zirkulieren». Auch hier geht es mit der frühen Arbeit «Überströmer» (1970) um den menschlichen Körper, genauer: um den Blutkreislauf, der in der Form von Schläuchen, durch die eine rote Flüssigkeit gepumpt wird, zum Kleidungsstück wird. Im Zentrum des Themas steht die Installation «El Rio de la Luna» von 1992. Wir sehen ein raumgreifende System aus Bleiröhren, durch die von einem zentralen, mit Trichtern versehenen Schrank Quecksilber gepumpt wird. Auf seinem Weg wird das «flüssige Mondlicht» in sieben Kästen sichtbar, welche die Künstlerin als «Herzkmmern» bezeichnet.

Bleistiftmaske klein
Eine besonders grosse Zahl von Möglichkeiten erforschte Rebecca Horn beim Schreiben und Zeichnen. Sie konstruierte Apparate, die mittels motorgetriebener Stangen Schreibmaschinen bedienen, oder sie erfand eine groteske, mit Bleistiften gespickte Gesichtsmaske, die es erlaubt, mit Kopfbewegungen zu zeichnen. Vom Schreiben und Zeichnen führt eine direkte Linie zum Tasten. Die Verlängerung der Finger kann auch den Tastsinn verfeinern, wie Rebecca Horn 1979 festhielt: «Die Hebelwirkung der verlängerten Finger steigert den Tastsinn der Hand. Ich fühle, wie ich berühre, sehe, wie ich greife und kontrolliere die Entfernungen zwischen den Objekten und mir in einer selbstgewählten Distanz.»

Die Ausstellung im Museum Tinguely zeigt die künstlerische Welt einer poetischen Erfinderin, die zu ihren Objekten jederzeit ironisch Distanz hält. Die Auswahl der Werke und ihre sorgfältige Präsentation widerspiegeln sowohl die Kennerschaft als auch die Freude, mit der die Kuratorin eine rundum gelungene Präsentation realisierte.

Handschuhfinger klein
Unter dem Titel «Theater der Metamorphosen» ist Rebecca Horns Schaffen vom 8. Juni 2019 bis zum 13. Januar 2020 auch im Centre Pompidou Metz zu sehen. Das besondere Augenmerk der Kuratorinnen Emma Lavigne und Alexandra Müller gilt dort der «Verwandlung unter animistischen, surrealistischen und mechanistischen Gesichtspunkten», wie sie in einer Pressemitteilung schreiben. Grosses Gewicht legt die Schau in Metz zudem auf das filmische Oeuvre von Rebecca Horn, die neben zahlreichen Kurzfilmen auch mehrere Spielfilme realisierte.

Am 6. und 12. Juni 2019 zeigt das Stadtkino Basel drei Spielfilme von Rebecca Horn. Die Schauspielerin Michaela Wendt trägt am 9. und 23. Juni, sowie am 7. Juli, 25. August und 8. und 22. September jeweils um 10 Uhr zu den Werken passende Texte vor. (Details auf der Website des Museums.)

Zur Ausstellung erschien – in je einer deutschen und englischen Ausgabe – ein sehr sorgfältig gestalteter Katalog. Reimann, Sandra B. (Hrsg. für das Museum Tinguely, Basel): Rebecca Horn – Körperphantasien. Wien 2019 (Verlag für moderne Kunst), 160 Seiten, CHF 42.00, € 38.00.

Eine erweiterte Besprechung der Ausstellung und des Katalogs
folgt später hier.

Illustrationen von oben nach unten: Weisser Körperfächer (1972, Filmstill), Schmetterling im Zenit (2009), Bleistiftmaske (1973, Filmstill), Handschuhfinger (1972) © 2019 Rebecca Horn/Pro Litteris, Zürich.

Michael Landy im Museum Tinguely Basel

Michael Landy, 1963 in London geboren, aufgewachsen und ausgebildet, erhält vom 8. Juni bis zum 25. September 2016 Gelegenheit, sein ganzes bisheriges künstlerisches Schaffen im Museum Tinguely in Basel zu präsentieren. Sein sagenhafter Akt der Selbstentäusserung, mit dem er 2001 unter dem Titel «Break Down» seine 7227 damaligen Besitztümer mit Unterstützung von zehn Helfern zuerst inventarisierte und dann zerstörte – und dem wir 2010 anlässlich der Ausstellung «Under Destruction» am
Landy Porträt sw
gleichen Ort den «Pokal im Wettbewerb um die radikalste Aktion im Kampf zwischen Sein und Haben» zuerkannten – ist in der aktuellen Schau zwar weiterhin zentral präsent, er bildet jedoch nur eine von zahlreichen wohl durchdachten Manifestationen, mit denen sich Landy gegen die existenziellen Herausforderungen einer ungerechten Welt auflehnt. «DerAusstellungstitel ‹Out of Oder› und seine unterschiedlichen Bedeutungen», schreibt Museumsdirektor Roger Wetzel in der Einleitung zum Katalog, «konterkarieren ein Grundprinzip westlicher Konsumgesellschaften. Innovation und Erneuerungen stehen (geplanter) Obsoleszenz und dem Verschleiss durch Gebrauch (und Nicht-Gebrauch) gegenüber.» Verschlissen werden längst nicht nur Gegenstände, obsolet werden auch Menschen – wie Landy es am Beispiel seines, durch einen Arbeitsunfall invalid gewordenen Vaters eindrücklich darstellt. 1995 erfand er mit der Aktion «Scrapheap Services» eine allgemein gültige Metapher für diese organisierte Missachtung der Menschenwürde, indem er eine Putzequipe tausende von Papierfigürchen zusammenkehren und einen Teil dieser Fetzenhaufen zur Erinnerung in einem Glaszylinder aufspiessen liess. Auch an zahlreichen anderen Stellen der Ausstellung zeigt sich, mit wie viel Witz der Künstler seine Botschaften vermittelt. Gewiss: Es ist immer ein bissiger Humor, der uns hier begegnet – und den man in Basel besonders zu schätzen weiss. Das führt auf direktem Weg zu Jean Tinguely, als dessen grosser Bewunderer sich Landy erweist. Als junger Mann faszinierte ihn 1982 die spontane Bereitschaft der Besucher, bei der One-Man-Show in der Tate-Gallery mit den Maschinen zu spielen. Und später befasste er sich intensiv mit Tinguelys legendärem Zerstörungsspektakel «Homage à New York»: Er suchte Überbleibsel der Aktion von 1960; er befragte Zeitzeugen, und er versuchte eine Rekonstruktion des Ereignisses. Wie sich auf dem als Gang zwischen leeren Marktständen inszenierten Parcours zeigt, interessierte sich Michael Landy in den letzten Jahren auch für Heilige und andere fromme Menschen, deren legendäres Leben durch ihr dramatisches Scheitern geprägt war. Anlass dazu gab ihm die Konfrontation mit Gemälden aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die er 2010 bis 2013 als «Artist in Residence» in der Londoner «National Gallery» täglich um sich hatte. Es entstanden zahlreiche Gemälde und überlebensgrosse, zum Teil motorisierte Skulpturen. Insgesamt beeindruckt die von Andres Pardey und Michael Landy gemeinsam kuratierte Ausstellung «Out of Order» als wohl durchdachte, mit Witz, Intelligenz und grosser Sorgfalt gestaltete Werkschau. Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs steht hier zur verfügung.

Andres Pardey (Hrsg, für das Museum Tinguely, Basel): Michael Landy. Out of Order. Basel/Heidelberg 2016 (Museum Tinguely/Kehrer Verlag). 240 Seiten, CHF 48.00. Der Katalog erschien in einer deutschen und einer englischen Ausgabe.

Illustration © Jürg Bürgi 2016

Zilvinas Kempinas: Licht, Luft und Videotape

Mit der Schau «Slow Motion» lädt das Museum Tinguely in Basel zur Entdeckung des litauischen Künstlers Žilvinas Kempinas (geb. 1969) ein. Auf 1500 Quadratmetern und vier Etagen präsentiert Kurator Roland Wetzel vom 6. Juni bis zum 22. September 2013 – teils im Dialog mit Jean Tinguelys Maschinenskulpturen, teils in eigenen Räumen – die raumgreifenden Installationen des in New York lebenden «Magiers der Elemente» (Wetzel). Beeindruckend sind die komplexen Raumwirkungen, die Kampinas mit seinem Lieblingsmaterial Magnetband erzielt, das er waagrecht, schräg und senkrecht in den Raum spannt. Die Betrachtenden, die sich in den und um die Kunstwerke bewegen, werden zu Bestandteilen der Installationen. Virtuos geht Kampinas nicht nur mit Räumen, sondern auch mit Luft um. Schon ein leichter Wind macht die dünnen Vogelschreckbänder, die er im Freien zwischen japanische Schneepfähle gespannt hat, zu einer flirrenden, die Farben der Pfähle reflektierenden Skulptur. Ähnlich im Innern, wo Ventilatoren für ständige Bewegung von liegenden, schwebenden und hängenden Videobändern sorgen. Mit der Kempinas-Ausstellung beschert uns das Museum Tinguely die spektakuläre Begegnung mit einem hierzulande bisher unbekannten Kunst-Zauberer, dessen Werk durch geniale Einfachheit und solide Gedankenarbeit besticht.
Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung folgt demnächst hier.