Sandra Beate Reimann

Das Museum Tinguely präsentiert seine Sammlung neu

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Mit einer von Sandra Beate Reimann kenntnisreich und mit grosser Sorgfalt eingerichteten Präsentation hat das Museum Tinguely auf 1200 Quadratmetern den Parcours durch die eigene Sammlung von Grund auf neu gestaltet. Beginnend auf der Galerie im ersten Stock ist Jean Tinguelys Werk in thematischen Gruppen zusammengefasst und, grosso modo, chronologisch geordnet. Die Ausstellung der rund 60 Arbeiten aus eigenen Beständen und zusätzlich 16 Leihgaben beginnt mit den filigranen Reliefs in schwarz und weiss, die zwischen 1954 und 1960 entstanden sind. Die Präsentation in einer engen Hängung sollen an die prekären Platzverhältnisse in Tinguelys Atelier an der Impasse Ronsin in Paris erinnern, wo die fertigen Arbeiten auf einem Zwischenboden gelagert wurden. Eines der Reliefs.– «Horizontal I, Relief méta-mécanique» - ist jetzt wieder, wie damals im Atelier, vertikal aufgehängt. In einem zweiten Raum sind die Klangmaschinen zu sehen. Besonders interessant ist die Arbeit «Mes étoiles – Concert pour sept peintures», die 1957 bis 1959 entstand und jetzt vor einer schwarzen Wand ausgestellt ist, wie seinerzeit in den Galerien von Iris Clert in Paris und Alfred Schmela in Düsseldorf. Auch die ersten Zeichenmaschinen und das erste Multiple – ein Relief zum Selbstbau – stammen aus dem ersten Jahrzehnt. Der Zeit nach 1960 sind im zweiten Obergeschoss drei Räume gewidmet: Im ersten sind auf hängenden Leinwänden die Filme von drei Zerstörungsaktionen – die «Homage à New York» (1960), die «Étude pour une fin du monde I», 1961 im Park des Louisiana Museum of Modern Art in Humblebæk (DK) mit grossem Getöse explodiert, sowie, ein Jahr später, die gross fürs Fernsehen inszenierte «Study for an End of the World No. 2», die bei Las Vegas ein Stück Wüste in bedrohliche Rauchschwaden hüllte. Daneben sind die ersten aus Schrott und objets trouvés hergestellten Skulpturen platziert, gefolgt von streng schwarz bemalten Maschinen, teils martialisch bewegt wie «Hannibal II» von 1968, teils sich elegant und leicht drehend. Das grosse, den dritten Raum füllende «Plateau agriculturel», das 1978, ein Jahr nach dem Fasnachtsbrunnen entstand, gehört zu einer Gruppe von Werke, die zum Bestand der Sammlung gehören, aber seit langem im Museum nicht mehr ausgestellt waren. Dasselbe gilt für das «Relief méta-mécanique sonore II» von 1955, das «Ballet des Pauvres» von 1961 und das farbenfroh beleuchtete «Café Kyoto» von 1987. Im Untergeschoss sind Arbeiten aus den 1970er-Jahren bis 1990, der letzten Schaffensperiode des Künstlers, zu sehen. Neben dem monumentalen «Pit-Stop» von 1984, der im Auftrag und mit Material von Renault gebaut wurde, gibt es hier eine witzige Sammlung von Bohrmaschinen-Arbeiten, die sich über die Do-it-yourself-
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Welle lustig machen. Ein Highlight der Ausstellung bilden sodann die Dokumente und Modelle, die Tinguely – mit Bernhard Luginbühl und seinen Söhnen in der eigens gegründeten «Bildhauer Union 90» verbunden – für eine neue Wettsteinbrücke entwarf. Da sich die Künstler nicht um den längst abgeschlossenen politischen Entscheidungsprozess kümmerten und erst zwei Wochen vor der Volksabstimmung an die Öffentlichkeit traten, fielen ihre erst skizzenhaften Ideen damals leider diskussionslos aus Abschied und Traktanden.

Aus Anlass der neuen Sammlungspräsentation führt das Museum auch den digitalen Ausstellungsguide Meta-Tinguely ein, der anhand der Biografie des Künstlers und von neun ausgewählten Werken durch Jean Tinguelys Œuvre führt und sein künstlerisches Schaffen erläutert. Der ebenso übersichtlich wie unterhaltsam gestaltete Guide kann entweder über die Website oder – in der Ausstellung – über das Gratis-WLAN des Museums aufgerufen werden. Er bietet in Wort, Bild und Ton eine Fülle von Informationen, die entweder mit Hilfe der Suchfunktionen oder als Antworten auf einfache Fragen auf Smartphones und Tablets zur Verfügung stehen.

Illustrationen: © Jürg Bürgi 2018. Oben: Kinetische Reliefs aus der ersten Schaffensperiode. Unten: Ideen für den Neubau der Wettsteinbrücke in Basel.

Stephen Cripps im Museum Tinguely

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Der Brite Stephen Cripps (1952-1982) gehört zu den Künstlern, die hierzulande bisher nur Spezialisten bekannt waren. Das hat zum einen damit zu tun, dass er sehr früh (an einer Überdosis Methadon) gestorben ist, und zum andern, dass seine weit gespannten Interessen – Performance, Musik, Film, bildende Kunst – vor allem in Konzepten, Zeichnungen und Collagen sowie in meist wenig ausführlich dokumentierten Happenings ihren Niederschlag fanden. So entwarf er einen mechanischen Garten, der unter anderem mit Gummi-Enten auf einem Fliessband und explodierenden Vogelscheuchen aufwarten sollte. Eine andere «Maschinen-Performance» bestand darin, dass ein Helikopterrotor einen Galerieraum attackierte und sich gleichzeitig selbst zerlegte. Und in dem Projekt «Shooting Gallery» wurde das Publikum angehalten, mit einer modifizierten Pistole auf Musikinstrumente – Becken, Xylophon – zu schiessen. In seinen pyrotechnischen Werken waren die Schalleffekte der Detonationen ebenso wichtig wie Feuer und Rauch. In der thematisch arrangierten Ausstellung im Museum Tinguely zeigt Kuratorin Sandra Beate Reimann vom 27. Januar bis 1. Mai 2017 in Zusammenarbeit mit dem Henry Moore Institute in Leeds erstmals auch, wie sich Cripps’ bisher unveröffentlichte Klangkompositionen anhören. Er setzte dabei quietschende Türen ein und liess sich von allerlei Lärmquellen – Düsentriebwerke, Rasenmähermotoren – inspirieren. Die über 200, zumeist aus dem Nachlass stammenden Arbeiten, die jetzt in Basel zum ersten Mal zu sehen und zu hören sind, belegen eine entfesselte künstlerische Fantasie, die schon zur Zeit ihrer Konzeption alle Grenzen sprengte, und heute aus Sicherheitsgründen keine Chance zur Realisierung erhielte. Jean Tinguelys Maschinenskulpturen und vor allem seine Zerstörungsaktionen entfalteten für Cripps eine starke, vorbildhafte Wirkung. Die überaus sehenswerte Retrospektive ist alles andere als eine im Schnellgang zu konsumierende Kunstschau. Sie verlangt von den Besuchenden vielmehr Geduld und Phantasie und vor allem die Bereitschaft, die Exponate aus der Nähe zu betrachten. Wer sich darauf einlässt, wird ein künstlerisches Universum ganz eigener Art kennen lernen.

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs
gibt es hier.

Zur Ausstellung erschien – in je einer deutschen und englischen Version – ein sehr ansprechend gestalteter Katalog mit Beiträgen der Kuratorin und weiterer sachkundiger Kenner von Cripps und der britischen Kunstszene der 1970er-Jahre. Als erste umfassende wissenschaftliche Veröffentlichung zum Werk des Künstlers ist die Publikation das Referenzwerk für die weitere Erforschung von Cripps’ Œuvre.
Sandra Beate Reimann (Hrsg. für das Museum Tinguely): Stephen Cripps – Performing Machines. Wien 2017 (VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH), 192 Seiten, CHF 48.00, €38.00

Musikmaschinen/Maschinenmusik im Museum Tinguely

Vom 19. Oktober 2016 bis 22. Januar 2017 präsentiert das Museum Tinguely in Basel zum ersten – und wohl zum einzigen – Mal Jean Tinguelys vier monumentale «Méta-Harmonien» aus den Jahren 1978 bis 1985 als Ensemble. Als erste dieser riesigen Musikmaschinen, die auf einzigartige Weise seine Ansichten über Töne und Klänge, Schall und Lärm illustrieren, konstruierte der Künstler 1978 für die legendäre «Hammer-Ausstellung» des Basler Galeristen Felix Handschin die dreiteilige «Méta-Harmonie», in die er zahlreiche Musikinstrumente einbaute. Sie ist nach Überzeugung der Kuratorin Annja Müller-Alsbach die melodiöseste der im grössten Raum des Museums versammelten Musikmaschinen. Der Mäzen Peter Ludwig war seinerzeit schnell zur Stelle und sicherte sich das Werk, das jetzt zur Sammlung des Museums moderner Kunst, Stiftung Ludwig in Wien gehört.

Im Jahr darauf, als Tinguely gemeinsam mit Bernhard Luginbühl das Frankfurter Städel Museum in Beschlag nehmen durfte, entstand die ähnlich üppig mit Instrumenten bestückte, ebenfalls dreigeteilte «Méta-Harmonie II». Ein ganzes Klavier, eine mit Druckluft betriebene Melodica und zahlreiche Schlaginstrumente sind für die Skulptur charakteristisch. Gleichzeitig baute er um einen alten Bührer-Traktor herum seine Fahrskulptur «Klamauk», die nicht nur lärmte, sondern auch mit Rauch und Knallfröschen auftrumpfte.

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Die Tokioter Warenhauskette «Seibu» gab 1984 mit ihrem Auftrag den Anlass, die Reihe der Méta-Harmonien mit einer Nummer 3 fortzusetzen. Die Maschine fällt – nicht zuletzt wegen der offenbar grosszügigen finanziellen Ausstattung – durch ihre barocke Üppigkeit auf. Co-Kuratorin Sandra Reimann berichtet, dass Tinguely und sein Assistent Seppi Imhof zur Vorbereitung bei Musik Hug in Basel gross Perkussions-Equipment eingekauft hätten. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Maschine zuerst den Namen «Pandämonium» verpasst bekam. Denn sie produziert nicht nur höllische Klänge, sondern bietet auch eine Fülle grotesker visueller Reize – vom Tierschädel bis zur Plastikeule, von der Souvenir-Kuhglocke bis zum Fondue-Caquelon – die mit Hilfe von 52 Elektromotoren in Bewegung gehalten werden. «Pandämonium 1 – Méta-Harmonie 3» gehört zur Sammlung des «Sezon Museum of Modern Art» in Karuizawa, einer als Ausflugsziel und Ferienort beliebten Kleinstadt in der Präfektur Nagano, am Fuss des Mount Asama, eines der aktivsten Vulkane des Landes.

1985 baute Tinguely seine «Méta-Harmonie IV», die Seppi Imhof nach Angaben des Künstlers «Fatamorgana» betitelte. Sie entstand nicht im Atelier, sondern in einer riesigen, nicht mehr benutzten Giesserei-Halle der von Roll in Olten, wo zahlreiche hölzerne Gussformen gelagert waren. Diese farbigen Holzräder prägen den Charakter der über zwölf Meter langen und mehr als vier Meter hohen Skulptur, die zur Sammlung des Museums Tinguely gehört. Eine Kuhglocke, sowie eine Trommel und ein Becken sind die einzigen «Musikinstrumente»; die übrigen akustischen Effekte werden von industriellen Werkstücken erzeugt, darunter Metallfässer, Eisenstücke, Hämmer und Schraubenschlüssel. So entsteht zum gemächlich sich drehenden Räderwerk eine fabrikmässige Geräuschkulisse.

Eine weitere «Méta-Harmonie» ohne Nummerierung entstand um 1980 im gigantischen Gemeinschaftswerk «Le Cyclope» in Milly-le-Forêt. Das Werk ist in der Ausstellung in einem Film zu sehen, der insbesondere zeigt, wie sich die Maschine ins Ensemble der begehbaren Grossskulptur einfügt und mit ihren Kratz- und Schleifgeräuschen zur düsteren Klangkulisse beiträgt.

Neben Tinguelys sechs massiven, breitspurig auftretenden Klangskulpturen ist zu Beginn der Ausstellungszeit eine Wand-Installation des Berner Künstlers Zimoun zu sehen. Sie ist elf Meter lang und sie heisst, was sie ist: «275 prepared dc-motors, filler wire». An jedem der 275 Elektromotörchen rotiert ein ein Meter langer Schweissdraht. Die Drähte schlagen gegen einander und gegen die Wand, was eine rauschende Klangkulisse erzeugt.

Im Lauf des weiteren Verlaufs der Ausstellung werden weitere Künstlerinnen und Künstler als Gäste den Dialog mit Tinguelys «Méta-Harmonien» aufnehmen. Das Begleitprogramm umfasst zahlreiche weitere – zumeist musikalische – Events.- Eine komplette Übersicht bietet die Website des Museums (
http://www.tinguely.ch/de/ausstellungen_events/events).

Zur Ausstellung ist zudem eine reich bebilderte Publikation erschienen. Sie enthält neben einer detaillierten Beschreibung der ausgestellten Kunstwerke Texte von Annja Müller-Alsbach, Sandra Beate Reimann und Heidy Zimmermann sowie ein Vorwort von Roland Wetzel.

Hier geht es zur ausführlichen Besprechung von Katalog und Ausstellung.

Illustration «Méta-Harmonie I» (Ausschnitt) © Jürg Bürgi 2016

Haroon Mirza/hrm199 Ltd. im Museum Tinguely

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Haroon Mirza, 1977 in London geboren und pakistanischer Herkunft, nimmt auf Einladung des Hauses vom 10. Juni bis 9. September 2015 das Museum Tinguely in Basel in Beschlag. Er tut das, seiner Überzeugung entsprechend, dass die Zeit der künstlerischen Originalgenies vorbei ist, nicht allein, sondern in vielfältiger Kooperation mit den Mitarbeitenden seines Ateliers «hrm199.Ltd» und anderen Kunstschaffenden, deren Werke er in seine eigenen Installationen integriert. Haroon Mirza studierte Malerei, Design und Kunsttheorie an der Winchester School of Art, am Goldsmiths College der University of London sowie am Chelsea College of Art. 2011 erregte er erstmals internationales Aufsehen, als ihm die Jury der 54. Biennale von Venedig einen silbernen Löwen verlieh. 2014 erhielt er den vom Haus Konstruktiv und der Zurich Versicherungsgruppe ausgelobten «Zurich Art Prize». Die jetzt im Museum Tinguely – erstmals in solcher Fülle – präsentierten Werke sind darauf angelegt, unsere visuelle und akustische Wahrnehmungsfähigkeit zu strapazieren. Mirza setzt dafür alle aktuellen Mittel der digitalen Technik ein; er baut auf die Möglichkeiten des LED-Lichts; er nutzt seine reichen Erfahrungen als DJ beim Erzeugen akustischer Effekte, und er verknüpft seine Einfälle zu komplexen Netzen. So kommt zum Beispiel das Geräusch rauschenden Wassers in seinem schalldichten «Pavillon for Optimisation» nicht etwa einer Tonkonserve eines Wasserfalls, vielmehr wird es von einem gleich ausserhalb des Raums installierten Duschkopf erzeugt. An einem anderen Ort verfremdet Mirza unter anderem eine längst geschlossene Ausstellung über die irische Architektin und Möbel-Designerin Eileen Grey (1878–1976) und einen Youtube-Film, auf dem die isländische Sängerin Björk erklärt, wie ein TV-Gerät funktioniert sowie weitere Fundstücke zur Multimediaschau «System». Und im zweiten Untergeschoss orchestriert er mit «Bitbang Mirror» einen vom Kollegen Anish Kapoor ausgeborgten Hohlspiegel («Ohne Titel», 2013) mit einer Arduino-Plattform, Lautsprechern, Verstärker und Stroboskop-Blitzen von LED-Leuchten zu einem dröhnenden Spektakel. Bemerkenswert an dieser Arbeit ist weniger das (überzeugend gelungene) Experiment mit der Fähigkeit des Spiegels den Schall zu reflektieren, als vielmehr die Rückführung eines anerkannten Kunstwerks in den Zustand blossen Materials. Von Roland Wetzel und Sandra Beate Reimann kuratiert, bespielt die anspruchsvolle, die Besucher ebenso bereichernde wie anstrengende Schau das ganze Museumsgebäude sowie den Solitude-Park. Und sie zeigt auf vielfältige Weise, wie sehr künstlerisches Schaffen heute stets ein Prozess mit zahlreichen Akteuren ist.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog, der das prozesshafte Kunstverständnis von Haroon Mirza und seiner «hrm199 Ltd.» perfekt widerspiegelt. Er bietet gleichzeitig ein Werkverzeichnis und eine Beschreibung des Entstehens der aktuellen Ausstellung. Roland Wetzel, Sandra Beate Reimann (Hrsg.): Haroon Mirza/hrm199 Ltd. Basel/Köln 2015 (Museum Tinguely/Snoeck Verlagsgesellschaft mbH), 408 Seiten, CHF 48.00 (Museumspreis),

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs befindet sich
hier.
Illustration: © La Nouvelle République, 18.7.2013