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Dieter Waeckerlin: Möbel nach Mass


Unter den Schweizer Möbel-Gestaltern der Moderne gehört Dieter Waeckerlin zu den kreativsten. Seine Möbel wirken nicht nur zeitlos schön, sie brillieren auch durch ungewöhnliche handwerkliche Raffinesse.

Hier steht die ganze Buchgeschichte als PDF zur Verfügung.

Wer als junger Mensch in den 1960er-Jahren eine Wohnung einzurichten hatte, wusste, dass er sie ganz anders möblieren wollte, als es 20 Jahre zuvor seine Eltern getan hatten. Statt einem schweren Massivholz-Buffet, nussbaum-furniert, sollte im Mittelpunkt des Wohn-Esszimmers ein elegantes Sideboard stehen, wie es zum Beispiel der Basler Dieter Waeckerlin mit raffiniertem Innenleben für das familieneigene Einrichtungshaus Idealheim AG entworfen hatte. Und statt dunklen Bibliotheksschränken mit gläsernen Schiebetüren, wünschte man sich ein schlichtes Gestell, das sich flexibel an die wachsende Zahl von Büchern anpassen liess.

Den meisten fehlte das Geld (und auch der Mut), in ein modernes Möbelgeschäft zu gehen, um sich dort beraten zu lassen. Der Ausweg führte in die Mustermesse, in die 1954 fertiggestellte «Rundhof-Halle». Dort, im ersten Stock, in der Halle 17, boten die Stände des Schweizer Möbel-Handwerks Orientierung. Wie auf einer Insel im Meer des Gewöhnlichen und Gewohnten, zogen die Stände mit modernem Design die Neugierigen an. Einer der grössten und grosszügigsten gehörte der Idealheim AG mit ihren dw-Entwürfen. Er war von allen Seiten zugänglich und unterschied sich allein dadurch von den meisten anderen, die, kojenartig, nur an einer Seite offen waren.

Grösse und Grosszügigkeit der Präsentation signalisierten nicht nur Offenheit, sondern auch gediegene Exklusivität. Denn auch unter den andern Anbietern von modernen Wohnungseinrichtungen – Wohnbedarf, freba-typenmöbel, victoria möbel zum Beispiel – waren die Möbel der Idealheim AG nicht nur die teuersten, sondern auch die raffiniertesten.

Dieter Waeckerlin, der nach der Handelsmatur am Athenaeum in Basel im eigenen Betrieb an der Pfeffingerstrasse 101, einem für das Quartier typischen Hinterhaus, bis 1955 eine Schreinerlehre gemacht hatte, war unserer Erinnerung nach unter den Ausstellern der einzige Designer, der sich– wenn auch bloss mit seinen Initialen – zu erkennen gab.
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Hochschule Luzern, Institut für Innenarchitektur (Hrsg.): Dieter Waeckerlin und Idealheim. Basel 2018 (Christoph Merian Verlag), 212 Seiten, CHF 49.00/€ 48.00.

Illustration aus dem Buch: dw-Buffet Serie I (1957) © Archiv Idealheim AG.
Balthus: Unscharfe Grenze

Balthazar Klossowski, genannt Balthus, gilt als Solitär in der Kunstlandschaft des 20. Jahrhunderts. Keiner Kunstrichtung verpflichtet, machte er sich mit provozierenden Mädchenbildern berühmt und erfolgreich.

Hier geht es zur vollständigen Besprechung im PDF-Format.

Wer sich mit Balthus beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit seinen nackten Mädchen-Modellen zu befassen. Das ist vom Maler so gewollt. Nicht sein Malstil und nicht sein handwerkliche Akkuratesse, die ihm im zweiten Teil seiner Karriere besonders wichtig waren, sollten die Betrachtenden in erster Linie fesseln, sondern die Wahl seiner Sujets.

Therese revant klein
So schrieb er an Neujahr 1934 seiner Geliebten Antoinette de Watteville im Hinblick auf seine erste Ausstellung über das bis heute besonders umstrittene Gemälde «La Leçon de guitare», das nur «hinter einem Vorhang» zu sehen war: «Man muss heutzutage sehr laut schreien, wenn man gehört werden möchte. Es bedarf sehr gewalttätiger Dinge. … Deswegen möchte ich erotische Gemälde malen (dieser Erotismus muss natürlich von höchster Qualität sein – und er wird es sein, da ich ihn mache).» Balthus wusste genau, was er tat. Und es muss ihm klar gewesen sein, dass niemand seiner Behauptung Glauben schenken würde, er male seine anzüglichen Backfisch-Szenen bloss, um Aufmerksamkeit zu erregen. Jahre später stritt er rundweg ab, seine «unbekleideten jungen Mädchen seien erotisch. Ich habe nie in dieser Absicht gemalt». Bei anderer Gelegenheit meinte er: «Ich habe nie etwas Pornografisches geschaffen. Ausser vielleicht ‹La Leçon de guitare›».

Tatsächlich ist die dargestellte Szene insofern eine Ausnahme, als sie der Fantasie des Publikums keinen Spielraum lässt. «Das Bild», schreibt die Kunsthistorikerin Beate Söntgen in ihrem aufschlussreichen Katalogbeitrag, «greift gleich zwei tabuisierte Themen auf, die gewaltförmige Sexualisierung eines Mädchens und homoerotische Begehren. Balthus wählt, um die Schockwirkung zu steigern, das Bildmuster der Pietà und einen detailversessenen altmeisterlichen Malmodus…» Kommt hinzu, dass die Dame, die das Kind bespielt, Kindes annimmt, die Gesichtszüge des Malers trägt, während ihre auffällige Brustform der angebeteten Antoinette de Watteville gehört, die er 1933 in «La Toilette de Cathy» zelebriert hatte.

Andere Bilder zeigen die Mädchen allein, selten auch zu zweit. Sie wirken nicht durch eine laszive Handlung, sondern durch ihre provozierende Haltung verstörend. Thérèse Blanchard, ein elfjähriges Kind aus der Nachbarschaft seines Ateliers, war ab 1936 drei Jahre lang Balthus’ bevorzugtes Modell. Er malte sie ungefähr ein Dutzend Mal in verschiedenen Posen, zweimal ist auch der Bruder Hubert dabei.
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Katalog: Balthus, hrsg. von Raphaël Bouvier für die Fondation Beyeler. Riehen/Berlin 2018 (Fondation Beyeler/Hatje Cantz Verlag) 176 Seiten. CHF 62.50/€ 58.00.

Illustration: Thérèse rêvant (1938) © Metropolitan Museum of Art, New York.
Victor J. Papanek im Vitra Design Museum

Vom 29.9.2018 bis zum 10.3.2019 zeigt das Vitra
Katalogumschlag klein
Design Museum in Weil am Rhein die erste grosse Retrospektive auf das Werk des Gestalters und Aktivisten Victor J. Papanek (1923-1998), der sich seit den 1960er-Jahren in zahlreichen Publikationen – darunter «Design for the Real World» (1971) – und Vorträgen für sozial und ökologisch engagierte Designkonzepte einsetzte. Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und der begleitenden Publikation folgen an dieser Stelle. Eine kurze Darstellung ist im Blog nachzulesen.