Bruce Nauman: Wert der Skepsis

Die Übersicht über sein immenses Werk zeigt, wie der amerikanische Künstler Bruce Nauman auf eigenständige Weise die Kunst der letzten 50 Jahre in den USA ebenso wie in Europa reflektiert und geprägt hat.

Hier steht der vollständige Text der Besprechung als PDF zur Verfügung.

Contraposto Studies
Wer das Werk von Bruce Nauman durchmessen will, begibt sich in unübersichtliches Gelände. Denn der Amerikaner hat in einem halben Jahrhundert wahrscheinlich alle möglichen künstlerischen Disziplinen ausprobiert – und viele auf die Spitze getrieben. Mangels Material begann er nach der Ausbildung seine Karriere als selbstständiger Künstler mit Performances, in denen er nichts einsetzte als seinen eigenen Körper. Später ergänzte er seine Suche nach dem Kern der Kunst mit Schrift- und Sprachbildern, er arbeitete mit Metallstangen, mit Kunststoff, Gips und Wachs, mit Tonband, Fotografie, Film und Video.

Zu seinen populärsten Werken zählt die Neon-Installation mit der spiralförmig angeordneten Schrift «The true artist helps the world by revealing mystic truths (window or wall sign)», mit der Nauman 1967 seinen hohen künstlerischen Anspruch formulierte. Dabei ist wichtig hervorzuheben, dass sich der Künstler, jede und jeder Kunstschaffende, nicht anmassen soll, der Welt «mythische», gemeint sind wohl «ewige» Wahrheiten zu enthüllen, sondern ihr dabei bloss Hilfestellung leisten muss.
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Illustration: «Contrappdosto Studies i through vii» (2015/2016), Detail.
© Bruce Nauman/2018, Pro Liters Zürich. Foto: © Jürg Bürgi, Basel, 2018.
Bacon/Giacometti: Fragen stellen

Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt Werke von Alberto Giacometti und Francis Bacon. Trotz Gemeinsamkeiten überwiegt der Eindruck einer – durchaus sehenswerten, aber nicht zwingenden – Gegenüberstellung.

Die vollständige Besprechung im PDF-Format ist hier zu finden.

Wer die Ausstellung «Bacon/Giacometti» der Fondation Beyeler besucht, darf sich über die reiche und sorgfältig konzipierte Auswahl der Werke von Alberto Giacometti (1901-1966) und Francis Bacon (1909 -1992) freuen. Irritierend wirkt allerdings, mindestens für Laien, der Eindruck, die Schau sei zwei Künstlern gewidmet, die nichts miteinander zu tun haben – und dies obwohl die Kuratoren darauf achteten, dass in jedem Raum sowohl Werke Giacomettis als auch Arbeiten Bacons zu sehen sind.
Bacon:Giacometti G. Keen Ausschnitt
Natürlich waren sich die Ausstellungsmacher des Problems bewusst. In der Einleitung zum Saalheft sowie in ihren Beiträgen zum Katalog sprechen sie die Unterschiedlichkeit von Bacons und Giacomettis Schaffen an und versuchen dann, Gemeinsamkeiten herauszuschälen: den «unerschütterlichen Glauben an die Bedeutung der menschlichen Figur», ihre Arbeit in kleinen, chaotischen Ateliers, ihre Beziehung zu Isabel Rawsthorne, die beiden Modell sass, und die sie einander vorstellte, beider Bewunderung für herausragende Werke der Kunstgeschichte, ihre Zweifel am eigenen Können.

Während Catherine Grenier, die Direktorin der Fondation Giacometti, in ihrem Aufsatz nach Gemeinsamkeiten sucht und dabei nicht umhin kommt, die Individualität der beiden Künstler anzuerkennen, hält ihr Co-Kurator Ulf Küster von der Fondation Beyeler ausdrücklich fest: «Zweifelsohne waren Giacometti und Bacon zwei Individualisten der Kunst mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und einem Werk, das sehr verschieden ist. Es soll hier keineswegs der Versuch unternommen werden, diese Unterschiede zu relativieren. Eine Ausstellung wie diese soll keine Antworten geben, sondern Fragen stellen, und vielleicht sind gerade die eklatanten Unterschiede besonders erhellend, um das Werk des andern zu verstehen.»

Damit erübrigt sich die zwanghafte Suche nach Gemeinsamkeiten und es stellt sich die viel spannendere Frage, weshalb gerade diese beiden Werke miteinander konfrontiert werden: Bacons expressive, oft üppig farbige Gemälde, die nie auf eine gewalttätige Konnotation verzichten, und Giacomettis auf das Notwendigste reduzierte Skulpturen, denen die Spuren der Hand-Arbeit eingegraben sind. Die Antwort muss wohl offen bleiben, zumal von Giacometti nur ein beschränkter Ausschnitt seines Schaffens – Werke aus der Zeit von 1935 bis 1965, die meisten aus dem Bestand der Pariser «Fondation Giacometti» – präsentiert wird.
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Illustration: Giacometti und Bacon 1965 in London. © Graham Keen.