Einige wirkliche Helden der Aufklärung: Denis Diderot, Thiry d’Holbach, Friedrich-Melchior Grimm, Louise d’Épinay, Claude-Adrien Hélvetius (von links). Rousseau, über den zu seinem 300. Geburtstag alle redeten, gehörte nicht dazu.

Jean-Jacques Rousseau: Undankbarer Hund


Ein ruheloser Geist, verklemmt, misstrauisch und voller wahnhafter Ängste gilt bis heute als Matador der Aufklärung. Die epochale Leistung seiner couragierten Freunde aus dem Kreis der Enzyklopädisten ist dagegen fast vergessen.

Das PDF der ausführlichen Buch-Geschichte steht hier zur Verfügung.

300 Jahre nach seiner Geburt am 12. Juni 1712 feiert Genf seinen ebenso berühmten wie ungeliebten Sohn Jean-Jacques Rousseau. Die Calvin-Stadt gedenkt des einst verfemten Autors aufrührerischer Schriften, von denen es heisst, sie bestimmten bis heute unser Verständnis von Politik und Gesellschaft.

Seinen nach der Französischen Revolution gefestigten Ruf als Vernunft-Philosoph verdankt Rousseau posthum dem Zeitgeist, der keine radikalen und aufrührerischen Ansichten mehr duldete, und der universellen Verwendbarkeit seiner romantischen Konzepte. Bis heute beliebt ist seine Vorstellung vom einfachen Landleben, das auf moralisch saubere Weise Körper und Seele erquickt.

In Genf geboren und aufgewachsen im ländlich-idyllischen Vorort Bossey, riss Jean-Jacques mit 15 von zu Hause aus. Sein jähzorniger Vater, der Uhrmacher Isaac Rousseau, hatte ihn und seinen älteren Bruder allein aufgezogen, nachdem seine Frau Suzanne im Kindbett gestorben war.

Jean-Jacques litt deswegen zeitlebens an Schuldgefühlen. Und seine Beziehungen zu Frauen waren immer geprägt von der Sehnsucht nach der bergenden Mutter. Gleichzeitig war schon der träumerische Junge davon überzeugt, etwas Besonderes zu sein. Es war sein Traum, in Frankreich auf einem Schloss zu leben.

Um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, wollte er so schnell wie möglich katholisch werden. Die aus Vevey stammende Baronin Françoise-Louise de Warens half ihm dabei. Die junge Frau war selbst konvertiert und lebte, getrennt von ihrem protestantischen Gatten, in Annecy.

Sie schickte Rousseau für ein paar Wochen zur Unterweisung und zur Taufe in ein Kloster nach Turin, das auf Konversionen spezialisiert war. Nach seiner Rückkehr blieb er im Haushalt der attraktiven Mitdreissigerin. Es dauerte sechs Jahre bis «Maman», wie er sie nannte, ihren verklemmten Toyboy endlich dazu brachte, mit ihr ins Bett zu gehen: «Zum ersten Mal sah ich mich in den Armen einer Frau, und einer Frau, die ich anbetete. … Mir war, als hätte ich Blutschande getrieben», erinnerte er sich Jahrzehnte später in seinen «Bekenntnissen».
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Wim Delvoye: Persönliche Obsessionen

Die erste grosse Ausstellung mit Werken des Belgiers Wim Delvoye im Museum Tinguely präsentiert einen vielseitig begabten, vom Markt gehypten Konzeptkünstler, der kaum nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Hier geht es zur vollständigen Besprechung als PDF.

Seine Begeisterung für die menschliche Verdauung ist legendär: Neunmal hat Wim Delvoye bisher Maschinen konstruiert, die Exkremente produzieren, darunter Apparate, die in jedem Biochemie-Labor eine gute Figur machen könnten, oder einfachere Modelle, die dem Waschturm in der Wohnung des gehobenen Bürgertums gleichen, und eine transportable Version für die Reise.

Der Ernst, der hier am Werk ist, und der technische Aufwand, der getrieben wird, sind gewiss bewundernswert. Aber wie ist der künstlerische Ertrag zu werten? In einer Zeit, in der das Publikum durch fast nichts zu erschüttern ist, dürfte der Provokationswert einer Fäkalienmaschine gegen null tendieren. Kommt hinzu, dass die Idee keineswegs neu ist. Piero Manzoni (1933-1963), füllte 1961 90 Blechdosen mit je 30 Gramm seiner «Künstlerscheisse» – angeblich, weil sein Vater, ein Dosenfabrikant, gespottet hatte, der Künstler-Sohn produziere «nur Scheisse».

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Nicht nur die Tatsache, dass Manzoni seine Faeces eindoste, als dies noch wirklich provozierend wirkte, sondern auch der Fakt, dass kein Mensch bis heute weiss, was tatsächlich in den Büchsen steckt, die ursprünglich für den Gegenwert von einer Unze Gold verkauft wurden, macht die Aktion künstlerisch denkwürdig. Da kann Delvoye nicht mithalten, der die künstlichen Würste, welche seine Maschinen am Schluss auspressen, einschweisst und für 3000 Euro vermarktet. Bei allem Respekt: Kunst muss mehr bieten, wenn sie Freude machen soll. Wenn schon nicht so vielschichtigen Spott wie Manzonis «Merda d’artista», doch wenigstens Witz und Ironie. Zum Beispiel, indem man einen natürlichen Kreislauf zeigt – eine weidende Kuh, dann einen Menschen, der mit Gusto ein Stück Fleisch verspeist und später mit seinen Exkrementen die Wiese düngt, auf der eine Kuh weidet. Das hat sich Daniel Spoerri ausgedacht und auch die Idee, den ganzen Vorgang rückwärts abzuspulen und das ganze «Resurrection» (Auferstehung) zu nennen. Ende der 1960er-Jahre, berichtet Spoerri in seinen Erinnerungen, habe er diese Filmgeschichte unzählige Male erzählt – so, dass der Film für ihn schon gemacht war. Wirklich realisiert hat ihn 1969 Tony Morgan, aufgrund von «ungefähr 13 Sequenzen», die Spoerri auf einem Fresszettel notiert hatte.

Seien wir gerecht: Wim Delvoye hat mehr und Anderes zu bieten als künstlerisch in der zweiten Liga spielende Verdauungsmaschinen. Gut gelungen – wenn auch nicht grundstürzend originell – sind zum Beispiel die als Delfter Porzellan kostümierten Propangasflaschen. Weniger überzeugend, aber als witzige Mimikry zu goutieren erscheinen Bügelbretter, die als wappengeschmückte Schilde auftreten.

Eine dritte Abteilung in Delvoyes Konzeptideen befasst sich mit der Verfremdung von Alltagssituationen und -gegenständen. Besonders eindrücklich ist die Darstellung einer ganzen Baustelle – von der Abschrankung bis zum Betonmischer – als Holzschnitzerei in indonesischer Tradition. Das ist natürlich überraschend. Aber die Frage sei erlaubt: Ist das nicht einfach Kunsthandwerk anstelle von Kunst? Und wo verläuft die Grenze zum Kitsch?
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Illustration: Tim © 2017 Museum Tinguely (Foto Stephan Schmidlin)
Paul Klee – Die abstrakte Dimension

Anhand von über 100 Werken demonstriert die Fondation Beyeler in Riehen vom 1.10.2017 bis 21.1.2018 unter dem Titel «Paul Klee – Die abstrakte Dimension» wie es einem der wichtigsten Künstler der Moderne immer wieder gelang, die Balance zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zu halten. Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs folgen demnächst an dieser Stelle. Erste Eindrücke sind schon jetzt hier nachzulesen.
Charles und Ray Eames in allen Facetten

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert vom 30. September 2017 bis zum 25. Februar 2018 unter dem Titel «An Eames Celebration» eine umfassende Schau auf das vielseitige und bis heute einflussreiche Werk des Architekten- und Designer-Paars Charles und Ray Eames. Eine ausführliche Besprechung der Games-Show und der begleitenden Publikation folgen demnächst hier. Eine erste Würdigung gibt es hier.