Anna-Mea Hoffmann

100 Jahre, 20 visionäre Interieurs im Vitra Design Museum

Signet klein
An 20 beispielhaften Interieurs zeigt Kurator Jochen Eisenbrand vom 8. Februar bis 23. August 2020 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein wie sich in den letzten hundert Jahren die Wohnformen in den westlichen Industrieländern verändert haben. Nicht als Stilgeschichte, sondern als Ideengeschichte soll die überaus anregend gestaltete Ausstellung verstanden werden. Sie beginnt im Erdgeschoss mit Beispielen aus der Gegenwart, in der die Welt der Arbeit und die Welt des Wohnens nicht mehr streng getrennt sind, und der verfügbare Wohnraum knapp und deshalb teuer ist. Kein anderes Unternehmen hat die zeitgenössische Wohnwelt so stark geprägt wie IKEA. Seit 1951 wirkt der Katalog des schwedischen Einrichtungshauses, von dem inzwischen jedes Jahr 200 Millionen Exemplare gedruckt werden, in 52 Ländern bei der Inneneinrichtung mit. Mit ihren preiswerten Produkten, so ein Text in der Ausstellung, löst IKEA «das Versprechen der Avantgarde der Moderne ein, gut gestaltete Produkte für die Massen verfügbar zu machen». Diese lobenswerte Demokratisierung wurde nicht zuletzt durch tiefe Preise erreicht, was die Möbel zum blossen Konsumgut machte, das spontan gekauft und ebenso spontan ersetzt werden kann. Weitere Beispiele im ersten Ausstellungsbereich befassen sich mit dem faszinierenden Versuch eines spanischen Gestalter-Teams, auf 33 Quadratmetern eine Familienwohnung einzurichten, und mit zwei grundverschiedenen Konzepten, alte, nicht oder nicht mehr zum Wohnen geeignete Bauten neu zu nutzen.

Im zweiten Saal, der an fünf exemplarischen Interieurs den gesellschaftlichen Aufbruch seit den 1960er-Jahre vorführt, dominiert auf den ersten Blick die Kollektion des avantgardistischen Mailänder Designkollektivs Memphis, die der Modeschöpfer Karl Lagerfeld in seiner Wohnung in Monte Carlo von der Innenarchitektin Andrée Putman arrangieren liess. Die dreiste Farbigkeit der geometrischen Elemente und die an einen Boxring erinnernde Sitzlandschaft wirken wie eine dadaistische Provokation, ihr Gebrauchswert ist allerdings gering. Kein Wunder, liess Lagerfeld das Ensemble nach wenigen Jahren versteigern. Bis heute in Gebrauch ist hingegen das bereits in den ersten 1970er-Jahren vom japanischen Architekten Kisho Kurakawa errichtete Kapsel-Hotel in Tokio. Die einheitlich acht Quadratmeter grossen und 2,3 Meter hohen Zellen sind komplett eingerichtet. Beispielhaft für die Zeit – und darüber hinaus – war auch Andy Warhols «Silver Factory». Gebäude im New Yorker Stadtteil SoHo, die als Werk- und Lagerhallen ausgedient hatten, nutzten Künstler als Ateliers. Der exzentrische Andy Warhol liess 1964 eine ehemalige Hutfabrik an der East 47th Street komplett mit Silberfolie auskleiden und nutzte den weitläufigen Raum nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Wohnen und als Treffpunkt für seine bizarre Gefolgschaft.
Panton klein
In Verbindung mit der genialen Vermarktung seines Lebensstils machte Warhol das Leben im Loft zum Hype. Weniger ein reales neuartiges Wohngefühl als vielmehr eine beispielgebende Ästhetik jener Zeit vermittelt die höhlenartige Wohnlandschaft «Phantasy Landscape», die der dänische Designer Verner Panton 1970 im Auftrag des Chemiekonzerns Bayer für die Kölner Wohnausstellung «Visiona 2» entworfen hat. Ein Nachbau des bunten Interieurs, das alle traditionellen Vorstellungen einer Wohnung über den Haufen warf, steht während der Ausstellung im Feuerwehrhaus.
Die im Saal 3 unter dem Rubrum «Natur und Technik» versammelten Wohnmodelle der 1950er-Jahre führen uns in die Welt des grenzenlosen Fortschrittsglaubens: Ernstgemeint und unkritisch im «House of the Future» der «Ideal Home Exhibition» in London 1956, witzig veralbert in Jacques Tatis Film «Mon Oncle» über die voll automatisierte «Villa Arpel». Andere Konzepte, Innen und Aussen, Interieur und Natur zu verbinden, wirkten weit nachhaltiger. Am radikalsten ging Bernard Rudofsky (1905-1988) in seinem Wohngarten für den Bildhauer Costantino Nivola vor, in dem er freistehende Wände und – als Wohnraum – eine Pergola aufstellte, die im Sommer von Glyzinien überwuchert war. Weniger radikal versuchte die brasilianische Architektin Lina Bo Bardi 1953 ihre «Casa de Vidro» in die «natürliche Ordnung» einzufügen, indem sie die Fenster bis zum Fussboden zog und damit die Natur ins Haus holte.

Einzigartig war das allerdings nicht, wie im vierten Raum augenfällig wird, wo Ludwig Mies van der Rohes (1886-1969) Brünner «Villa Tugendhat» präsentiert wird. Als der letzte Direktor des Bauhauses 1928 den Auftrag für den Bau erhielt, erfüllte sich der Traum jedes Architekten: Das Hang-Grundstück in einem Villenquartier der mährischen Hauptstadt war riesig, die Begeisterung der Auftraggeber für seine Ideen fast grenzenlos, und ihre finanziellen Ressourcen ebenso. Das machte es möglich, dass Mies nicht nur konstruktiv Neuland betreten konnte, indem er als Tragkonstruktion ein Stahlskelett wählte, sodass den Wänden keine statische Funktion mehr zukam. So konnte er zum Park hin vom Boden bis zur Decke Glasfronten einbauen, die zudem versenkbar waren, sodass die dahinter liegenden Räume im Sommer zu einer Art Balkon werden konnten. Die Errungenschaften der
Gartenfront klein
Villa Tugendhat, von der Raumaufteilung bis zur vorwiegend speziell entworfenen Inneneinrichtung und bis zu der, auch nach heutigen ökologischen Massstäben, modernen Zentralheizung haben ihre Vorbildfunktion bis heute nicht verloren. Während die gleich nebenan präsentierte Prager «Villa Müller», die der Wiener Architekt Adolf Loos in der gleichen Zeit entwarf ebenso wie die zusammen mit der Wiener «Villa Beer» von Josef Frank und Oskar Wlach ihren Nachruhm vor allem der neuartigen Aufteilung der Räume verdanken, ist die Villa Tugendhat, nach einer bewegten Nutzungsgeschichte seit 2012 in sorgfältig restauriertem Zustand der Öffentlichkeit zugänglich – ebenso wie die «Villa Müller» in Prag).

Besonders interessant an der aktuellen Ausstellung des Vitra Design Museums sind die Querbezüge, die über die Zeitspanne von hundert Jahren sichtbar werden. Es gibt Wohnwelten, von 1920 bis heute als zeitgenössisch allgemein akzeptiert sind, und andere, die höchstens individuell als wertvoll gelten. Kritisch ist anzumerken, dass das gleichwertige Nebeneinander der beiden Konzepte – der von Wenigen als lebenswert empfundenen Wohnwelten und den von Vielen allgemein anerkannten Prinzipien – einen Eindruck von Beliebigkeit vermittelt, als hätten die Ausstellungsmacher selten gezeigte Stücke aus der Sammlung wieder einmal herzeigen wollen. Der Katalog, der ein viel breiteres Spektrum von beispielhaften Interieurs abdeckt, ist geeignet, diesen Eindruck zu korrigieren.

Die Ausstellung wird begleitet von einer Fülle von Führungen, Vorträgen, Workshops und Diskussionen. Das Programm steht auf der Website des Museums und
hier zur Verfügung.

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs folgen in naher Zukunft
hier.

Den Katalog zur Ausstellung gibt es in einer deutschen und einer englischen Version.

Kries, M., Eisenbrand, J. (Hrsg.): Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs.
Mit Beiträgen von Jochen Eisenbrand, Joseph Grima, Anna-Mea Hoffmann, Jasper Morrison, Matteo Pirola, Alice Rawsthorn, Timothy Rohan, Penny Sparke, Adam Štěch, and Mark Taylor; Interviews mit Nacho Alegre, Charlap Hyman & Herrero, Ilse Crawford, Sevil Peach u.a.
Weil am Rhein 2020 (Vitra Design Museum), 320 Seiten, €59.90.

Illustrationen: Oben: Ausstellungssignet (Casa de Video), Mitte: Verner Panton, Phantasy Landscape. Unten: Villa Tugendhat, Gartenfront. Foto © Jürg Bürgi, Basel 2020.