Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler

Bücher
Rudolf Stingel, dem die Fondation Beyeler in Riehen vom 26. Mai bis 6. Oktober in neun Sälen eine One-Man-Show mit 30, zumeist grossformatigen, oft raumfüllenden Werken ausrichtet, wurde 1956 in Meran geboren. Er lebt und arbeitet seit 1987 vor allem in New York. Sam Keller, der Direktor der Fondation Beyeler, bezeichnete Stingel bei der Vorstellung der Ausstellung für die Medien als «Superstar». Er habe, heisst es in einem Pressetext, «wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation … den Begriff dessen erweitert, was Malerei sein kann und wodurch sie definiert wird». Und weiter: «Seit … den späten 1980er-Jahren erkundet er die Möglichkeiten und medienspezifischen Grenzen im Wechselspiel künstlerischer Verfahren, Materialien und Formen.» Tatsächlich ist die Fülle der verwendeten künstlerischen Techniken eindrücklich. Stingel beherrscht die fotorealistische ebenso wie die abstrakte Malerei. Als
Hände
Malgrund verwendet er oft die Leinwand, aber auch Kunststoffplatten. Seine Werke bestehen manchmal aus Teppichen, mit denen er ganze Räume auskleidet. Er lässt das Publikum an seinen Werken mitarbeiten. Es soll Fuss- oder Handspuren auf Teppichen hinterlassen oder Kritzeleien auf Wände ritzen. (In der Riehener Ausstellung ist eine solche Mitarbeit nicht vorgesehen. Dreisprachig werden Besucherinnen und Besucher gewarnt: «Bitte die Kunstwerke nicht berühren.») Der Parcours durch die von Udo Kittelmann, dem Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie, zusammen mit dem Künstler kuratierte Schau wird bestimmt durch die Diversität der Exponate. Stingel bearbeitet ein Thema gern in Serien. Anderseits imponiert er gern mit kraftvollen, zuweilen auch einschüchternden, den ganzen Raum usurpierenden Installationen. So liess er zum Beispiel einen ganzen Raum mit Isoliermaterial auskleiden, das zuvor mit Rillen und Ritzen versehen und mit Silberfolie überzogen wurde. Mitten im Raum lasten auf einem, ebenfalls silbern überzogenen Tisch 96 Exemplare des zur Ausstellung erschienenen Künstlerbuches im Grossformat und jeweils dreieinhalb Kilo schwer. Das Buch, erläuterte Kurator Kittelmann, sei als Werkverzeichnis, das Abbildungen praktisch aller
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bisherigen Arbeiten Stingels enthält, ein eigenständiges Exponat. Seine Vorstellung, dass die Besucher im Lauf der Zeit für Unordnung auf dem Bücher-Altar sorgen dürften, erscheint angesichts der feierlichen Stimmung, die der Raum evoziert, ziemlich gewagt. In der Summe darf man Sam Kellers Intention loben, dem Publikum der Fondation Beyeler immer wieder wichtige Exponenten des zeitgenössischen Kunstschaffens vorzustellen. Rudolf Stingel als «Superstar» zu bezeichnen, halten wir allerdings für weit überzogen, nicht zuletzt, weil Vieles, was er uns zeigt, zwar grossen Eindruck macht, aber nicht wirklich neuartig ist. Zu bewundern ist hingegen, die Sicherheit, mit der er Materialien und Maltechniken beherrscht.

Zur Ausstellung erschien ein Künstlerbuch. Es besteht ausschliesslich aus Abbildungen von einzelnen Werken und Installationen, deren Abfolge Rudolf Stingel selbst bestimmt hat.
Kittelmann, U. (Hrsg. für die Fondation Beyeler, Riehen/Basel): Rudolf Stingel. Berlin 2019 (Hatje Cantz Verlag), 380 Seiten, CHF 65.00/€ 58.00

Illustrationen aus der Ausstellung. © 2019, Jürg Bürgi, Basel. Unten: Untitled (2018) © Rudolf Stingel, Foto: John Lehr.

Gerhard Richter: Serien, Zyklen, Räume

Zusammen mit dem Künstler präsentiert der Kurator Hans Ulrich Obrist, derzeit Codirektor der Serpentine Gallery in London, vom 18. Mai bis 7. September 2014 Gerhard Richter in der Fondation Beyeler in Riehen als Maler, der gern und oft in Varianten denkt. Die soeben von Mäzenen dem Kunstmuseum Basel geschenkte Folge von vier (der insgesamt fünf )Versionen des Motivs «Die Verkündigung nach Tizian» von 1973 zeigt exemplarisch, wie bei den gleichzeitig entstehenden Serien der Übergang vom Figürlichen zum Abstrakten erkundet wird. Andere Bildfolgen kreisen ein bestimmtes Thema ein, indem sie – wie zum Beispiel der 1988 entstandene 15-teilige Zyklus zum «18. Oktober 1977», dem Todestag der drei Führungsfiguren der RAF – einzelne Elemente eines Ereignisses darstellen. Als Vorlagen dienen häufig Pressebilder, denen der Künstler, indem er sie vergrössert, vergröbert und bis zur Unkenntlichkeit übermalt einen neuen, eigenen Charakter verleiht. Die hervorragend präsentierte Schau versammelt über 150 Werkgruppen und Einzelstücke von 1966 bis 2014. Sie bietet einen umfassenden Überblick über ein Oeuvre, das sich in einem stetigen Wandel befindet, wobei jede Phase im Gesamtwerk ihren Platz zu behaupten weiss. Zur Ausstellung erschien ein von Gerhard Richter mitgestaltetes Katalogbuch mit Beiträgen von Hans Ulrich Obrist, Dieter Schwarz und Georges Didi-Huberman: H. U. Obrist (Hrsg.): Gerhard Richter – Bilder/Serien. Riehen und Ostfildern 2014 (Fondation Beyeler/Hatje Cantz Verlag) 192 Seiten, CHF 62.50. Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des Katalogs steht hier zur Verfügung.

Plädoyer für Jeff Koons

Die Fondation Beyeler affichiert ihre Jeff-Koons-Show als «erste Einzelausstellung in einem Schweizer Museum». Ist das ein Zufall? Vielleicht mochten sich andere Kunsthäuser bisher nicht auf eine Debatte über Kitsch oder Nicht-Kitsch des Koonschen Oeuvre einlassen. Möglich, dass sie fürchteten eine Ausstellung könnte als Statement für den seit seinen Anfängen umstrittenen und seit seiner kurzen Ehe mit dem italienisch-ungarischen Porno-Sternchen Ilona «Cicciolina» Staller berüchtigten Amerikaner gewertet werden. Anderseits ist es unbestritten, dass Koons auf dem Kunstmarkt eine ganz grosse Nummer ist. Seine Produktionen erzielen auf Auktionen regelmässig Rekordpreise. Inzwischen kann die über 100-köpfige Belegschaft der Koonschen Kunstfabrik den Markt mit beachtlichen Stückzahlen beliefern – aber ohne die Nachfrage je befriedigen zu können. Im zeitlichen Umfeld der jährlichen Kunstmesse »Art Basel» garantiert die Koons-Schau dem Museum beträchtlichen Zulauf; und dem Künstler und seinen Agenten bietet sie eine zusätzliche Verkaufsplattform: Vom 13. Mai bis zum 2. September 2012 zeigt die Fondation Beyeler 48 Exponate aus fünf Werkgruppen und dazu, im Park vor dem Museum, die monumentale Blumenskulptur «Split-Rocker», der Kopf eines Schaukeltiers, halb Dinosaurier, halb Pony. Dass Theodora Vischer, eine weltweit anerkannte Spezialistin für Gegenwartskunst, die Werkschau mit grosser Ernsthaftigkeit kuratierte, und dass Direktor Sam Keller bei der Präsentation (und in Anwesenheit des Künstlers) fast verzweifelt an die Medienleute appellierte, sachlich und faktenbezogen zu berichten, werten wir als ultimativen Versuch, Jeff Koons vom Image des cleveren Selbstdarstellers und Vermarkters von Kitsch- und Glitzer-Objekten zu befreien und ihn endlich als Künstler mit Tiefgang zu etablieren. Ob das Plädoyer Erfolg hat, steht dahin. Sicher ist, dass die Schau bei Beyeler den Kunstinteressierten eine Gelegenheit bietet, sich selbst ins Bild zu setzen.
Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung und des umfangreichen Katalogs gibt es hier.